Die Liste der in den letzten Jahren abgerissenen Wirthäuser in unserer Region ist lang und ließe sich nahezu endlos fortsetzen: Die 'Straußen' - Wirtschaft in Immenstadt-Bühl, die 'Löwen' in Oy-Mittelberg und Legau, der 'Engel' in Wertach (immerhin Schauplatz der W. G. Sebald - Erzählung 'il ritorno in patria' in seinem berühmten Buch 'Schwindel.Gefühle'), die Wirtschaften in Blaichach und Wirlings. Andere stehen kurz vor diesem Schicksaal, darunter wie jüngst verlautete der 'Löwen' in Lauben.
Identitätsstiftende Gebäude in der Ortsmitte
Alles ortsbildprägende und identitätsstiftende Gebäude in den Ortsmitten, zumeist in Nähe der jeweiligen Pfarrkirchen. Stattliche Häuser mit Geschichte und unzähligen Geschichten, die sich um sie gerankt haben - Erinnerungen, die nicht wenige Menschen aus dem näheren und weiteren Umfeld mit 'ihrer'Wirtschaft verbinden.
Gründe des Wirtshaus-Sterbens
Im kürzlich veröffentlichten Dokumentar-Film 'Fanni' wird u. a. den Gründen nachgespürt, die zum großen Wirtshaus-Sterben in ganz Bayern in den letzten Jahren geführt haben. Explodierende Kosten sowie Auflagen und Bürokratie haben es für Wirtsleute immer schwerer gemacht, den Betrieb auskömmlich am Leben zu erhalten - ein verändertes Freizeitverhalten mit dezentralen Ausschankstätten in Vereins- und Sportheimen haben ihr übriges dazu beigetragen.
Dabei stellten Wirthäuser - wie der große Kabarettist Gerhard Polt im Film erklärt - 'nördlich der Alpen quasi eine überdachte Piazza dar', auf der die Begegnung und der Austausch aller Gesellschaftsschichten erfolgte und damit einen Rahmen für das gemeindliche Sozialgefüge bildete.
Ehemalige Gaststätte 'Zum Löwen' als Teil des wichtigsten ortsbildprägenden Ensembles Laubens
Umso bedauerlicher ist, dass auch in Lauben die letzte Stunde für den 'Löwen' zu schlagen scheint, der 1394 erstmalig urkundlich erwähnt wurde. Noch vor vier Jahren, als sich Architektur-Studierende der TH Augsburg intensiv mit der Ortsentwicklung Laubens auseinandergesetzt hatten, wurde von allen Beteiligten auf Gemeindeebene beteuert, dass es sich um einen der wenigen ortsräumlich bedeutenden Kristallisationspunkte in Lauben handele, der - zusammen mit Pfarrkirche, Friedhof, ehem. Lehrerwohnhaus und Naturdenkmal Dorflinde - erhalten werden müsse, auch wenn eine weitere Wirtshausnutzung im alten Stil erst einmal ausgeschlossen schien. Mit dem 70er Jahre - Relikt 'Birkenmoos' zwischen Lauben und Heising wäre die Konkurrenz einfach zu groß.
Es gibt sie, die positiven Beispiele
Im Film 'Fanni' mit dem Untertitel 'Wie rettet man ein altes Wirtshaus?' wird einer von vielen Lösungswegen aufgezeigt: Engagierte BürgerInnen schließen sich in einer Genossenschaft zusammen und nehmen die Dinge selbst in die Hand. Von der Sanierung bis zu Marketing und Betrieb entstand eine Multifunktionsstätte / ein Gemeinschaftshaus für all die Zwecke, für die bisher kein Raum in der Landgemeinde Pischelsdorf nördlich von München vorhanden gewesen ist. Gleiches haben seit wenigen Tagen die Heimertinger mit ihrer leer stehenden Bahnhofsrestauration 'Bone' im Sinn, nämlich eine gemeinsame Transformation des Gebäudes in die Jetzt-Zeit, ohne auf Hilfe von außen zu warten. Vorbildliche Aktivierungen alter Wirtshäuser lassen sich etwa bei der 'Alten Post' in Kimratshofen bestaunen (siehe 'randnotiz 13') oder in Vorderburg, wo die Dorfgemeinschaft (DGV) den alten 'Hirsch' gerettet und äußerst erfolgreich reaktiviert hat und dafür mehrfach ausgezeichnet wurde.
Zeichen der Zeit werden nicht erkannt
Die Entscheidung alte Wirtshäuser abzureißen, 'spricht für ganz viel fehlenden Sachverstand in Anbetracht der CO2-Bilanzen des Bauens und des fortschreitenden Identitätsverlustes in ländlichen Räumen', so Professor Marcus Rommel von der TH Augsburg. Und weiter: 'Traurig, dass selbst ein engagierter Bürgermeister der jungen Generation die Zeichen der Zeit nicht erkennt.' Bleibt zu hoffen, dass die Bürgerschaft selbst aktiv wird, wenn es um den Erhalt und die Nachnutzung alter Wirtshäuser nicht nur in Lauben geht.
Oktober 2025


