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07.12.16 - Bad Grönenbach - Thal
Thal # 15
Nachlese

Jochen Paul: Das Gegebene und die Grenzen


Bis auf den letzten der ca. 150 Stühle besetzt ist die Lagerhalle der ehemaligen Ersten Allgäuer Rahmzentrale, als Dr. Jörg Heiler, Vorstand im Kreisverband Schwaben Augsburg des BDA Bund Deutscher Architekten, am Freitagabend vergangener Woche seinen Studienfreund im Rahmen der Vortragsreihe „Thal#“ über Architektur, Baukultur, Städtebau und Landschaft, Kunst und Design in der Galerie Riedmiller in Bad Grönenbach-Thal begrüßt. 
Der Architekt, der seit 2005 zusammen mit Peter Geiger das Büro heilergeiger architekten in Kempten führt, und Peter von Matuschka hatten Anfang der 1990er Jahre zusammen an der Architectural Association (AA) in London bei Peter Salter und Peter Smithson studiert – von dem sie, so Jörg Heiler, gelernt haben, „dass Architektur kein Selbstzweck ist, sondern sich stets auf den Menschen beziehen muss“. 
Seine Berliner Niederlassung gründete David Chipperfield 1998 nach dem Gewinn des Wettbewerbs für das Neue Museum mit Eva Schad als Managing Director – die gebürtige Kempterin ist seit 2011 Büropartner, Peter von Matuschka arbeitet dort seit 2002. In seinem Vortrag beschreibt er den Beruf des Architekten als „abenteuerliche Tätigkeit in der Schwebe zwischen Kunst und Wissenschaft, zwischen Erfindung und Gedächtnis, zwischen Mut zur Modernität und Achtung der Tradition“. 
Diese Haltung ist den vorgestellten, von ihm geleiteten Projekten aus Deutschland, Europa und Asien bei allen Unterschieden in Bezug auf ihre Nutzung, Größe und Lage auch deutlich anzumerken: David Chipperfield Architects entwickeln die Identität ihrer Bauten konsequent aus dem Ort heraus, an dem sie stehen, und seinen Rahmenbedingungen. So leiteten sie Ihre „Villa Eden“ in Gardone über dem Gardasee aus der Typologie der im 19. Jahrhundert ortsüblichen „Limonaia“ ab, einer Art Gewächshaus für die Zitronenbäume. Ihr zehngeschossiges Bürohaus an der Nahtstelle zwischen einer achtspurigen Hauptverkehrsstraße und einem öffentlichen Park in Hangzhou verkleideten sie wegen der in China üblichen hohen Rohbautoleranzen mit einer Fassade aus Kupferblech – die dem schmal geschnittenen Haus eine enorme Präsenz gibt. 
Außerdem verdeutlichte Peter von Matuschka in seinem Vortrag, wie ihre Architektur in einem konstanten, nicht immer linearen, aber stets spannenden Prozess des Werdens und Wachsens, von These, Antithese und Synthese entsteht. Dabei liegt zwischen den ersten Ideen und dem fertiggestellten Gebäude häufig ein langer Weg der Reifung: Ihr eigenes Büro in Berlin gestalteten sie im Dialog mit den inzwischen 140 Mitarbeitern als Hofsituation, in der drei unterschiedlich hohe Sichtbetonkuben die im Krieg weitgehend zerstörte Gründerzeitbebauung sensibel ergänzen. 
Ein weiteres Beispiel dafür, wie die Architekten versuchen, „die Grenzen und das Gegebene als Rahmenbedingungen unserer Arbeit zu erkennen und zu lieben, um daraus ein robustes Konzept zu entwickeln“, ist die ehemalige Bötzow-Brauerei in Berlin-Prenzlauer Berg: Für das 24.000 Quadratmeter große Areal der 1885 gegründeten ehemals größten Privatbrauerei Norddeutschlands entwickeln David Chipperfield Architects seit 2013 den Masterplan und ein umfassendes Revitalisierungskonzept. Die Präsentation der aktuellen Renderings, Pläne, Modellfotos und der Bestandsaufnahmen von imposanten, teils unterirdischen Gewölbehallen illustrierte das Zusammenspiel von Altbestand und Neubauten und setzte den passenden Schlusspunkt in dem 1889 errichteten Vortragssaal mit seinen „preußischen“ Kappendecken.

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